Leben mit der Gewalt – Bergvölker in den Chittagong Hill Tracts

Historische Aufnahme von Shanti Bahini-Kämpfern, BangladeschVom 19. Februar 2010 wird aus Baghaihat, Distrikt Rangamati, Folgendes berichtet: «Am Nachmittag richtete eine Gruppe bengalischer Siedler Pfähle für den Bau eines Hauses auf dem Land der indigenen Jumma-Dorfbewohner auf. Die Dorfbewohner protestierten und behinderten die Gruppe. Um 20.30 kehrten Hunderte von Bengalis zurück, unter der Führung der sogenannten Sama Odhikar Andolon und unter dem Schutz einer Armee-Einheit.

Sie begannen damit, Häuser der Jumma zu plündern und in Brand zu stecken. In dieser Nacht brannten 35 Häuser, inklusive sieben Läden, eine Kirche und ein Dorfcenter der UNDP in den Dörfern Gangaram Duar, Chaminichara und Baluchara nieder. Die Jumma mussten in den Dschungel fliehen.» Es war der Beginn von Ausschreitungen, die bis zum 24. Februar dauerten. Acht Indigene (Jumma ist der Sammelbegriff für die verschiedenen Stämme) wurden dabei getötet und 25 verletzt. 200 Häuser wurden niedergebrannt. Weder die Morde noch die Zerstörung der Dörfer hatten gerichtliche Folgen.

Der Vorfall zeigt die Situation der indigenen Minderheitsbevölkerung in den Chittagong Hill Tracts in aller Deutlichkeit. Fast täglich kommt es zu grösseren und kleineren gewaltsamen Zwischenfällen. Das Friedensabkommen von 1997, das die Rechte der Bergvölker garantiert, ist bis heute Papier geblieben.

Der Bürgerkrieg war für die Bergvölker nie wirklich vorbei. 20 Jahre lang hat ihr bewaffneter Arm, die Shanti Bahini, gegen die Regierungsarmee gekämpft – die politischen Forderungen nach Autonomie und Mitbestimmung nach der Staatsgründung im Jahr 1971 scheiterten. Es war einer der vergessenen Kriege der Welt. Zur Opferzahl gibt es kaum Angaben. Es wird geschätzt, dass in den 80er Jahren zehn Prozent der indigenen Bevölkerung nach Indien geflohen sind. Zwischen 1979 und 1993 sind zehn Massaker der Armee mit geschätzten 1200 bis 2000 Opfern bekannt. Vieles aus diesem Krieg aber liegt im Dunkeln.

Die gewaltsamen Übergriffe mit Beteiligung von Polizei und Armee sind für die ethnischen Minderheiten heute nicht vorbei, wie der Vorfall vom Februar zeigt. In den letzten Jahren ist es sogar vermehrt zu Gewalt gekommen, und auch terroristische Ansätze sind zu beobachten. Das Berggebiet an der Grenze zu Myanmar ist eine Sonderzone, die von Militär und Polizei besetzt bleibt. Immer noch setzt die Regierung eine nationalistisch-islamistische Siedlungspolitik um, durch die Zuzüger aus dem Flachland mit staatlicher Förderung nach Chittagong kommen. Alle Angelegenheiten, zum Beispiel die Verwaltung und Nutzung der natürlichen Ressourcen, obliegen den Bengali-Behörden, in welchen die Bergvölker nicht vertreten sind. Die Richter in den Hill Tracts sind Bengalen. Die Gerichte – sofern sie von Indigenen angerufen werden können – entscheiden parteiisch.

Projektbesuch in Bandarban nur unter Aufsicht von Militär und PolizeisDie Entwicklung in den Dörfern der Bergvölker wird kaum gefördert. Gesundheitszentren im Einzugsgebiet funktionieren nicht, und die Qualität der Schulen, wenn es welche gibt, ist schlecht, vor allem mangelt es an Lehrer/innen. Investitionen in diesen Bereichen sind von Regierungsseite nicht geplant.

Die ethnischen Minderheiten in den Chittagong Hill Tracts – die Bandarban Hill Tracts, in welchen das CO-OPERAID-Projekt umgesetzt wird, sind ein Teil davon – leben als Folge all dieser Umstände in bitterer Armut. Ein Leben in Sicherheit und Frieden ist für sie nicht gewährleistet. Hinzu kommt die Perspektivelosigkeit. Die Umsetzung des Friedensabkommens scheint heute weit entfernt. Und die kulturelle Identität der Bergvölker, welche nur ein Prozent der Gesamtbevölkerung von 156 Millionen Menschen ausmachen, droht langsam verloren zu gehen.

(siehe auch: Projekt Upasshak)

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