Kinder ethnischer Minderheiten: vielfach benachteiligt, auch in der Bildung

Schulkinder aus Bergstämmen, Patak-Schule, Nord-ThailandKinder ethnischer Minderheiten erfahren öfter keine Schulbildung als die Kinder der Mehrheitsbevölkerung. Ihre Bildung ist öfter mangelhaft, ihre Leistungen sind im Durchschnitt schlechter, und sie beenden die Schule vielfach vorzeitig. Kinder von Minderheiten brauchen darum eine besondere Förderung. Eine solche Minderheitenförderung leisten unsere Projekte «Upasshak» (Bangladesch) und «Patak» (Thailand).

 

Die Zusammenhänge zwischen ethnischer Zugehörigkeit und mangelnder Schulbildung wurden in diversen Arbeiten von Regierungen und Nichtregierungsorganisationen (NGO’s) aufgezeigt. In Bangladesh gibt es gesamthaft 45 ethnische Minderheitengruppen mit schätzungsweise 1,2 Millionen Menschen. Gegen die Hälfte ihrer Kinder im Alter zwischen 6 und 10 Jahren werden nicht eingeschult. Im Jahr 2001 (keine neuere Erhebung verfügbar) gingen 150 000 Kinder im schulfähigen Alter nicht zur Schule. Und die Abschlussquote der übrigen war unterdurchschnittlich. Da viele Familien zu den Armen des Landes gehören, können sie sich die Schulbildung der Kinder bald nicht mehr leisten, wenn die Kosten mit einer höheren Schulstufe steigen. Dies verunmöglicht der nachkommenden Generation den Zugang zu qualifizierter Arbeit und einen Ausweg aus der Armut. Das ist auch die Situation der Kinder ethnischer Bergvölker-Minderheiten in Bandarban, Bangladesch, und im Norden Thailands (Projekt Patak).

Einer erfolgreichen Schulkarriere stehen viele Hindernisse im Weg: der Gebrauch der nationalen Mehrheitensprache in der Schule; keine Lehrmittel in der Muttersprache der Kinder und kein Bezug der Lehrmittel zu ihrem Leben, ihrer Kultur und Geschichte; schlechte Abdeckung mit Schulen in Minderheitengebieten; Lehrermangel in abgelegenen Gegenden und schlechte Unterrichtsqualität (Mangel an Büchern, Heften, Stiften etc.); schlechte Infrastruktur; mangelnde Mittel der Familien, um die Kinder zur Schule zu schicken, und auch Notwendigkeit der Arbeitskraft der Kinder; Diskriminierung durch Lehrer/innen und Mitschüler/innen und Vernachlässigung in den Staatsschulen; nomadische Lebensweise mit häufigem Schulwechsel; mangelndes Bewusstsein für den Wert der Bildung.

Der mangelnde Schulerfolg ist darum nur folgerichtig. Kinder ethnischer Minderheiten gelten bei Lehrer/innen und Mitschüler/innen schnell als weniger intelligent. Sie haben weniger Selbstvertrauen, und ihre Beziehung zu den (Bengali-)Lehrer/innen ist schwach. Kein Wunder, dass ihnen die Schule, die so viele Schwierigkeiten mit sich bringt, auch weniger Freude macht.

Die Probleme in der Schulbildung für ethnische Minderheiten sind also bekannt. Was lange fehlte, war ein Programm der Regierung oder einer NGO, das auf diese Probleme reagierte. Ein solches Programm wurde von BRAC, der grössten NGO Bangladeshs, realisiert. Ein Blick darauf lohnt sich: es hat einige Ausstrahlungskraft und ist ein interessantes Modell bezüglich der verbesserten Bildung von Minderheitenkindern.

Am Wichtigsten schien die Einschulung von Kindern zwischen 6 und 10 Jahren, welche bisher nicht zur Schule gegangen waren oder die Schule abgebrochen hatten. Wenn die Einschulung gelingt, kann der weiteren Schulkarriere mit mehr Optimismus entgegen gesehen werden. Während der Staat dazu tendierte, kleinere Schulen zu schliessen, hat BRAC im ganzen Land 700 neue Schulen eröffnet. Damit wurde vielen Kindern der Zugang erleichtert, was aber nur ein erster Schritt war.

Ebenso wichtig war es, Lehrmittel zu schaffen, welche die Kinder besser ansprechen. Kinder können besser lernen, wenn sie auf ihrem bisherigen Wissen aufbauen können. So lernen Kinder zum Beispiel schneller, wenn sie in ihrer Muttersprache unterrichtet werden. Ebenso lernen sie schneller, eine andere Sprache zu lesen, wenn sie zuerst das Lesen der Muttersprache erlernt hatten. Die Verwendung der Sprachen der Minderheiten schien also zentral. Sie wurden als Unterrichtssprachen und als Sprachen in den Lehrmitteln eingeführt, wobei nicht alle Sprachen Schriftzeichen besitzen, was eine besondere Schwierigkeit darstellte. Ebenso sollten die Lehrmittel den kulturellen Hintergrund der Kinder widerspiegeln.

Eine andere Frage stellte sich bezüglich des Personals. Um das Programm zu entwickeln und umzusetzen, wurden zahlreiche Personen aus ethnischen Minderheiten eingestellt. Und an den Schulen begannen 1700 indigene Lehrer/innen zu arbeiten. Bei der Suche nach Lehrpersonal war der unterdurchschnittliche Bildungshintergrund der Minderheitenvölker ein Problem. Im besonderen war es schwierig Lehrerinnen zu finden, da Frauen noch schlechter ausgebildet sind als Männer. Die Kenntnisse der Lehrer/innen und damit die Qualität des Unterrichts wurden mit regelmässigen Workshops verbessert.

Die Einschulung in den BRAC-Schulen hatte zum Ziel, mehr Kinder der Minderheiten einer Schulbildung im staatlichen Schulsystem zuzuführen. Mit einem gestärkten Selbstvertrauen sollten die Kinder dieses System besser durchlaufen können. Und die Aufklärungsarbeit, die innerhalb des Programmes geleistet wurde, zielte darauf ab, eine positive Haltung gegenüber den Kindern ethnischer Minderheiten und Verständnis für ihre Probleme seitens der Bengali-Schulbehörden und -Gemeinden zu erwirken.

Das BRAC-Programm zeigt die Schwierigkeiten und mögliche Lösungen bezüglich der Bildung ethnischer Minderheiten exemplarisch auf. Mit der speziellen Förderung der Schulbildung dieser Minderheiten wird letztlich auf die zahlreichen internationalen Forderungen zum Schutz der indigenen Bevölkerung, ihrer Sprache und Kultur reagiert.