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Mikrokredite gehören zu den begleitenden Massnahmen innerhalb unserer Projekte. Das Implementieren von Mikrokrediten kommt unserem Hauptanliegen - Schule und Berufsbildung für Kinder und Jugendliche - zugute, wenn Familien durch dieses Mittel ein höheres Einkommen erzielen und die Kosten für die Schulung ihrer Kinder bestreiten können. Oftmals werden mit den Krediten landwirtschaftliche Kleinprojekte verwirklicht. Zum Thema Mikrokredite das Beispiel einer erfolgreichen Kreditnehmerin aus Kenia und weiter unten ein Interview mit einem Experten der Mikrofinanz.

Mikrokredite im CO-OPERAID Hilfsprogramm

Jane P. Nabori: eine Frau mit Unternehmergeist

An Unternehmergeist hat es Jane P. Nabori nie gemangelt. Aber an Geld! Früher hat sie Mandazi (kenianische Brötchen) gebacken und sie über Mittag an der N’gambo-Primarschule verkauft. Das war das Einkommen, das für sie, ihren Mann, und die sieben Kinder reichen musste, von denen das älteste, Francis, heute 18, und das jüngste, Mimiyo, 5 Jahre alt sind. «Damals hätte ich nie gedacht, dass ich einmal drei meiner Kinder auf die Sekundarschule schicken kann». Heute kann sie die Schulkosten bezahlen, ihre Kinder anständig kleiden, und sie konnte für ihre Familie sogar ein besseres Haus aus Wellblech bauen.

 

Doch der Reihe nach: Im Jahr 2001 wurde Frau Nabori vom Schulkomitee von N’gambo, welches das Mikrokredit-Programm in der Region abwickelt, ein Kredit von rund 80 Franken ausbezahlt. Mit diesem Startkapital kaufte und verkaufte sie fortan Kohl und Tomaten. Ihr Einkommen erhöhte sich. Ein Jahr später hat sie nochmals einen Kredit erhalten von diesmal 160 Franken. Sie wollte nun selber Kohl und Melonen anpflanzen und kultivierte ihr Land dafür, liess einen kleinen Bewässerungsgraben anlegen, kaufte Samen und Dünger. Das war der Beginn ihrer Erfolgsgeschichte. Sogar noch mehr: es war der Anfang vom Ende ihrer Armut.

 

«Heute bin ich eine Geschäftsfrau», sagt Frau Nabori nicht ohne Stolz. Sie erzielt einen monatlichen Profit von etwa 50 Franken – fast so hoch wie der erste Mikrokredit. Sie beliefert die Sekundarschulen von Marigat und Ng’ambo mit Kohl und Melonen, und vor allem die Händler im Städtchen Marigat.

 

Und sie schmiedet Pläne: Sie will ihr Feld erweitern, vermehrt Melonen und auch Mais anpflanzen, damit sie bei schlechten Kohlernten abgesichert ist, und vielleicht auch selber einen Laden eröffnen, in dem sie ihr Gemüse und das von benachbarten Bauern verkauft.

 

An Unternehmergeist hat es ihr nie gemangelt. Und für ihren Erfolg arbeitet sie hart.
Das Schulkomitee bringt es im Kreditantrag auf den Punkt: «Sie wird ihre Ziel erreichen, weil sie dazu entschlossen ist». 

Christoph Achini: «Bedeutender Impakt durch Mikrokredite»

In seiner Tätigkeit als Senior Investment Manager bei SIFEM ist Christoph Achini spezialisiert auf Fragen der Mikrofinanz. SIFEM betreut das Investitions-Portfolio für Entwicklungs- und Transitionsländer des Staatssekretariats für Wirtschaft (seco).

Herr Achini, es gibt im Bereich Mikrokredit zahlreiche Erfolgsgeschichten von Individuen. Aber konnte ein Mikrokredit-Programm auch schon breitenwirksamer und damit nachhaltiger zur Entwicklung einer Region beitragen? Gibt es Beispiele dafür?

«Ja, das gibt es. Die meisten Mikrofinanz-Institutionen arbeiten nämlich nicht überregional. Vielmehr ist die Nähe einer Institution zu einer bestimmten Region wichtig, da eine gute Kenntnis der lokalen sozialen Verhältnisse zentral ist. Ich möchte dazu ein eigenes Erlebnis aus Peru erwähnen: Der Besuch einer Filiale einer Mikrofinanzinstitution (MFI) in einem der ärmsten Stadtteile von Lima vermittelte ein Bild der Dynamik, die durch ein eng geflochtenes Netz an Mikrokredit-Kunden entstand. Es zeigte sich, das in gewissen Strassenzügen etwa jede dritte Familie Kreditnehmerin bei ein und derselben MFI war. Die MFI selbst ist beim Prüfen der Kreditwürdigkeit auf persönliche Referenzen von Verwandten und Nachbarn angewiesen. Hier zeigt sich der Vorteil der Nähe einer MFI zu einer Region, und die Dichte der Kreditnehmer wiederum lässt auf den bedeutenden wirtschaftlichen Impakt der MFI vor Ort schliessen.»

Den Mikrokredit gibt es nun 30 Jahre. Was spricht dafür, dass er tatsächlich langfristig zur Armutsbekämpfung beitragen wird?

«Die eigene Erfahrung der Schweiz! Aus der Schweizer Geschichte wissen wir, dass in den ländlichen Gebieten der Schweiz vor rund 100 bis 150 Jahren grosse Armut herrschte, welche Hunger und Auswanderung zur Folge hatte. Es waren die sehr frühen Kleinkreditsysteme, basierend auf der Idee von Raiffeisen, welche erstmals die Vergabe von Agrarkrediten in diesen Gebieten ermöglichte. Der langfristige Effekt von Mikrofinanz darf hier nicht ausser Acht gelassen werden. Nicht nur hilft die Mikrofinanz vielen Betroffenen über kurzfristige finanzielle Engpässe hinweg, sondern sie macht sie auch zu unternehmerisch denkenden Menschen. Ein erster, vielleicht nur kleiner Kredit, macht gewiss noch kein grosses Geschäft. Aber mit einer wachsenden Kreditgeschichte steigt auch die Bonität des Kleinstunternehmens, und der Zugang zu grösseren Krediten wird möglich, und somit das Wachstum des Betriebs. Diese Dynamik multipliziert mal 1'000 oder 100'000 wird über lange Zeit eine Volkswirtschaft verändern. Wohlverstanden, auch Grossfirmen leisten ihren Beitrag an eine Volkswirtschaft. Aber selbst in der Schweiz mit der höchsten Dichte an grossen multinationalen Firmen pro Einwohner sind 93% der Unternehmen immer noch kleine und mittlere Betriebe (KMU).»

Kritiker stören sich daran, dass der Mikrokredit jüngst wie ein Wundermittel angepriesen werde. Kein Kredit kann etwas bewirken, sagen sie, wenn die Leute ihre Produkte nicht absetzen können, also überregionale Märkte entstehen, was wiederum zum Beispiel Verkehrsverbindungen erfordert.

«Es war nie die Idee, mit der Mikrofinanz ein Wundermittel gegen die Armut zu finden. Vielmehr geht es darum, den von Finanzdienstleistungen ausgeschlossenen Bevölkerungsgruppen ebenfalls eine Möglichkeit zu geben, Geld zu sparen, Kredite aufzunehmen und Zahlungen zu tätigen, so wie wir dies bei uns als selbstverständlich empfinden. Diese Dienstleistungen müssen als Basisinfrastruktur für jedes erfolgreiche wirtschaftliche Leben betrachtet werden. Daneben braucht es natürlich weitere Infrastruktur, wie etwa Strassenverbindungen, Märkte und Information, und selbstverständlich auch Schulen. Der Aufbau dieser Infrastruktur steht nach wie vor im Zentrum der Entwicklungszusammenarbeit. Nur darf die Finanzinfrastruktur nicht vergessen werden. Vielleicht hat man sich sogar zu lange auf die klassischen Infrastrukturbereiche konzentriert und muss nun teils mit Frustration feststellen, dass das nötige Wachstum, welches immer noch der einzige langfristige Weg aus der Armut darstellt, vielerorts ausgeblieben ist.
Der Fortschritt und die Verbesserung der Lebensverhältnisse sind an einem neu gebauten Schulhaus oder einer dorfeigenen Wasserpumpe halt direkter zu erkennen als an der Erhöhung der Umlaufgeschwindigkeit von Geld oder der Umverteilung von Risiken durch gemeinschaftliche Spareinlage- und Kreditvergabesysteme.»

Der Ökonomie in Afrika fehlen Impulse ganz besonders. Was sind die speziellen Schwierigkeiten der Mikrokredit-Programme in Afrika?

«Das ist schwierig zu beantworten. Mit einigen positiven Ausnahmen hinkt Afrika der Entwicklung in den meisten Gebieten hinterher. Die erfolgreichen klassischen Modelle der Mikrofinanz sind in sehr dicht besiedelten Ländern wie Bangladesh mit seiner eigenen sozialen Kultur entstanden. Solche Modelle lassen sich nicht beliebig in anders strukturierte Regionen übertragen. Dass die optimalen Systeme für einige Regionen in Afrika noch nicht gefunden wurden, ist jedoch nur eine Teilerklärung. Der Mangel an weiterer Infrastruktur, wie oben angesprochen, ist eine Erklärung für ein allgemein reduziertes Wachstum. Und dennoch sollte man nicht vergessen, dass es erfolgreiche Mikrofinanzsysteme in Afrika gibt, so etwa in Moçambique oder Ghana.»

Welche anderen Leistungen der Mikrofinanz ausser dem Mikrokredit sind für die Armutsbekämpfung wichtig?

«Es braucht alle grundlegenden Finanzdienstleistungen für erfolgreiches Unternehmertum, auch für Kleinstunternehmer. Neben dem Zugang zu Krediten muss die Möglichkeit des Sparens als fundamental wichtig beurteilt werden. Es geht nicht um allfällige Zinserträge, sondern einfach darum, sein Geld an einem sicheren Ort deponieren zu können und in verlässlicher Weise im richtigen Moment – etwa auch in einem Notfall – zur Verfügung zu haben. Die Möglichkeit des Sparens allein bewegt viele Leute dazu, überhaupt Geld auf die Seite zu legen. In manchen Fällen würden sie dafür sogar bezahlen. Auch für die Mikrofinanzinstitution sind Spareinlagen der Kunden zentral, da der grösste Teil des Leihkapitals für das Kreditgeschäft (Passiven) aus eben dieser Quelle stammt. Wichtig ist weiter die Dienstleistung der Geldüberweisung, sei es um Handel zu betreiben oder um die – in letzter Zeit in vielen Ländern vermehrt fliessenden – Rücksendungen von Angehörigen im Ausland zu transferieren und an einem sicheren Ort aufzubewahren. Auch im Bereich der Versicherungsdienstleistungen gibt es noch viel zu tun.»

Nehmen wir an, dass sich die Finanzwelt für die Armen in Zukunft tatsächlich stärker öffnet. Wer garantiert, dass davon nicht nur die Finanzwelt und ihre mächtigen Institute profitieren, sondern eben auch die Armen?

«Der Markt! Das mag etwas einfach klingen, aber im Gegensatz zu vielen Gütermärkten ist der Finanzmarkt einer der effizientesten Märkte überhaupt. Längerfristig werden mehrere konkurrierende Kapitalanbieter die Profitmarge nach unten drücken. Wenn nicht nur ein einziges internationales Institut in einem bestimmten Land diese Finanzierungen anbietet, wenn also eine Konkurrenzsituation besteht, werden die Kosten für das Kapital sinken. Die Mikrofinanzinstitutionen können dies an Ihre Kunden, die Kleinstunternehmer, in Form von günstigeren Krediten weitergeben. Auf jeden Fall profitieren in einem funktionierenden Markt immer die Endabnehmer – im Zusammenhang der Mikrofinanz also die Kleinstkreditnehmer. Wäre der Schweizer Kapitalmarkt nicht in den internationalen Kapitalmarkt integriert, wäre zum Beispiel der Zinssatz für eine Hypothek wesentlich höher. Die Konkurrenz des Kapitals in den integrierten internationalen Finanzmärkten drückt die Zinsen auf ein marktbestimmtes Minimum herunter. Dies wird auch auf dem Refinanzierungsmarkt in der Mikrofinanz geschehen, sofern genügend Kapital um die guten Kreditportfolios wirbt und dieses Kapital auch unbeschränkten Zugang zu diesen Ländern erhält.
Im Falle der weit entwickelten und gut etablierten Mikrofinanzbanken ist bereits abzusehen, dass die zunehmende Integration in die Finanzmärkte die Kapitalkosten drückt: Die allerbesten Institute wie etwa MiBanco in Peru oder Compartamos in Mexiko können bereits heute unter verschiedenen Darlehen auswählen und das attraktivere Angebot annehmen. Bis jedoch der grosse Teil dieses Marktes integriert ist, wird es noch einige Zeit dauern.»

 

 

Weitere Beispiele von Mikrokredit-Nehmer/innen und weitere Infos zum

CO-OPERAID Mikrokredit-Programm im Bulletin Nr. 3 / 2005 (pdf)

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